Vorwort für die neuen Chronik-Bände

Vorwort

Geographie-Professor Gerhard Henkel, bekannt als „Anwalt des ländlichen Raumes“, beklagt in seinem Standardwerk * ein Desinteresse am Dorf: „Für viele Menschen – gerade in den großen Städten – ist das Dorf ein unbekanntes Wesen. Im öffentlichen Bewusstsein spielt der ländliche Raum generell eine geringere Rolle, als ihm eigentlich zusteht. Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien haben ihre Zentren in den großen Städten und dominieren die Meinungsbildung von dort aus. Somit ist die Perspektive auf das Dorf in der Regel eine Fernsicht, […].“

Wie verkürzt man Ferne, wie nähert man sich einem unbekannten Wesen? Vielleicht träumt man von ihm, vielleicht versucht man mit allerlei Signalen, seine Aufmerksamkeit zu erregen. Die Chronistin Annette Brown hat für alle, die am Dorf Griesel/Gryzyna interessiert sind, einen zuverlässigeren Weg der Annäherung erarbeitet. Sie folgt der Devise „Zu den Quellen“ des humanistischen Universalgelehrten Erasmus von Rotterdam und scheint ihr Wissen gewissermaßen aus sprudelndem Nass zu schöpfen, um es mundgerecht an uns weiterzureichen. Aber dörfliche Quellen sprudeln nicht, sondern sickern. Sie drohen leider zu versickern. Und um dies zu stoppen, lässt sich Annette Brown auf die trockene – nicht selten staubtrockene – Arbeit in mehr oder eher weniger geordneten Archiven ein.

Für alle, die Annette Browns Dorfchronik und deren bisherige  Fortsetzungen gelesen haben, ist Griesel/Gryzyna längst kein unbekanntes Wesen mehr. Doch Forschung steht nie still. Annette Browns ambitioniertes Chronik-Projekt schon gar nicht. Und wer sich von ihren neuesten Fundstücken unterhalten, fortbilden oder überraschen lässt, muss „Dorf-Professor“ Gerhard Henkel Recht geben: Nicht nur in großen Städten, auch im ländlichen Raum sind Politik, Wirtschaft, Kultur sowie Gesellschaft stets in Bewegung. Das gilt für Griesel/Gryzyna im besonderen Maße!

Peter Semlies (Historiker)

 

 

* Gerhard Henkel: Das Dorf . Landleben in Deutschland – gestern und heute. 4. Aufl. 2020. Sonderausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung Bonn. S. 10.